News 14.02

Akademie St. Franziskus erfolgreich zertifiziert

Neue Osnabrücker Zeitung, 08.03.2014
Interview mit Dr. rer. cur. Gabriele Weglage

Lingen. Die Akademie St. Franziskus in Lingen, Katholische Bildungsstätte im Sozial- und Gesundheitswesen GmbH, hat als erste Einrichtung dieser Art in der Region Osnabrück-Emsland ein Zertifizierungsverfahren durchlaufen und erfolgreich abgeschlossen. Die Akademie sieht darin einen weiteren Baustein zur Professionalisierung der verschiedenen Pflegeberufe im Rahmen der Ausbildung, wie die Geschäftsführerin der Akademie, Dr. Gabriele Weglage, im Interview mit unserer Zeitung unterstrich.

Dr. rer. cur. Gabriele Weglage, Akademie St. Franziskus

Foto: Dr. rer. cur. Gabriele Weglage, Geschäftsführerin der Akademie St. Franziskus

Frau Weglage, ein Ziel der Zertifizierung ist es, die Qualifikation und Kompetenz zu dokumentieren. Diese Merkmale nimmt die Akademie aber doch ohnehin für sich und ihre Arbeit in Anspruch. Wozu bedurfte es da noch eines solchen Verfahrens? 

Es ist in der Tat so, dass es von Anfang an das Bestreben der Akademie war und ist, eine professionelle Ausbildung in den unterschiedlichen Pflegeberufen zu gewährleisten. Dazu gehören neben optimal geschulten und fortgebildeten Pädagogen auch die Art und Weise der Unterrichtsgestaltung und funktionierende Arbeitsabläufe innerhalb der Organisation. Es ist wichtig, diesen Nachweis auch institutionell bescheinigt zu bekommen, in unserem Fall durch den TÜV Nord. Denn so kann die Arbeitsagentur zum Beispiel bei Umschulungsmaßnahmen in der Altenpflege nur Maßnahmenträger in Anspruch nehmen, die entsprechend zertifiziert sind.

Welche Bereiche umfasst die Zertifizierung?

Die Akademie wurde durch zwei getrennte Verfahren zertifiziert, nämlich nach der Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung (AZAV) und nach DIN ISO 29990. Die Trägerzertifizierung nach der AZAV ermöglicht uns die Durchführung von Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen, die durch die Arbeitsagenturen gefördert werden. Die AZAV-Zertifizierung umfasst drei unserer Maßnahmen: die dreijährige Ausbildung in der Altenpflege, die zum staatlichen Examen führt, die Qualifizierung von Betreuungskräften wie zum Beispiel zusätzliche Betreuungskräfte für Menschen mit Demenz und Auffrischkurse für Wiedereinsteiger in die Pflege, etwa examinierte Pflegende, die nach längerer Pause wieder zurück in ihren Beruf wollen. Diese Zertifizierung nach AZAV hat uns im Rahmen des Verfahrens aber nicht gereicht. Wir haben gleichzeitig alle Bildungsgänge der Akademie St. Franziskus einem Zertifizierungsverfahren unterworfen. Damit haben wir nach DIN ISO 29990 alle Prozesse und Verfahren an unserer Einrichtung komplett abgebildet. Unser QM-Handbuch umfasst immerhin 110 Seiten. Mit der doppelten Zertifizierung unterstreicht die Akademie ihre Leistungsfähigkeit.

Wie haben die Auditoren des TÜV Nord die Qualität der Bildungsangebote an der Akademie bewertet?

Als überdurchschnittlich gut. Wir sehen in diesen Ergebnissen einen weiteren Baustein der Professionalisierung der Gesundheits- und Pflegeberufe. Mit dem Stichwort der Professionalisierung ist nicht die Nabelschau eines Berufs gemeint, sondern die Annahme und Umsetzung eines gesellschaftlichen Auftrags. Und dass die Pflege von Menschen in Krankheit und Alter eine gesellschaftliche Relevanz hat, liegt angesichts der aktuellen Diskussionen um die Pflege in Deutschland auf der Hand.

Wie sehen die aktuellen Anmeldezahlen in der Akademie St. Franziskus in Lingen aus?

Wir haben zurzeit 270 Auszubildende, die unsere Akademie besuchen, nahezu alle Plätze sind belegt. Aber die Verteilung stimmt leider nicht.

Wie meinen Sie das?

Die meisten Auszubildenden haben wir in der Gesundheits- und Kinder-/ Krankenpflege, 75 Auszubildende in der Altenpflege und etwa 20 lernen den Beruf der Hebamme. Wir bieten auch den Dualen Studiengang Pflege mit den beruflichen Fachrichtungen Altenpflege, Gesundheits- und Kinder-/ Krankenpflege an. Für den Bereich der Altenpflege haben wir im letzten Jahrgang aber nur zwei Plätze belegen können, acht wären jedoch möglich.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass sich zu wenig junge Menschen für die Altenpflege entscheiden?

Das sind verschiedene Gründe. Vor allem hat es mit der Finanzierung der Ausbildungsplätze durch die Anstellungseinrichtungen zu tun. Diese ist in der Altenpflege schwieriger zu bewerkstelligen als in der Gesundheits- und Kinder-/ Krankenpflege. Dort können die Ausbildungskosten in den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen sichergestellt werden. Das ist in den Altenpflegeeinrichtungen so nicht möglich. Für die Ausbildung des Nachwuchses entstehen den Einrichtungen zusätzliche Kosten, die sich in höheren Pflegesätzen widerspiegeln und Wettbewerbsnachteile mit sich bringen. Im Gespräch ist derzeit die Wiedereinführung einer solidarischen Umlagefinanzierung in der Altenpflegeausbildung. Damit entsprächen die finanziellen Rahmenbedingungen der Ausbildung auch dem gesellschaftlichen Auftrag der Pflege.

Welche Gründe gibt es noch für die geringere Zahl an Auszubildenden in der Altenpflege?

Ein weiterer Grund ist, dass der Altenpflege, obwohl die Dringlichkeit des Themas allen bekannt ist, nach wie vor die Lobby fehlt. Im Krankenhaus Menschen gesund zu pflegen erscheint interessanter als die Begleitung von alten, kranken Menschen an ihrem oftmals letzten Lebensort. Das vermeintlich „medizinorientiertere“ Tätigkeitsfeld im Krankenhaus sehen viele potenzielle Auszubildende als anspruchsvoller an als die Pflege von alten Menschen. Dabei kann gerade diese Arbeit nicht nur persönlich eine große Bereicherung darstellen. Sie ist auch insofern mindestens so anspruchsvoll wie die Pflege im Krankenhaus, weil dieser Bereich der Pflege, die Begleitung von alten Menschen im Leben und auch im Sterben, ein hohes Maß an Kreativität und professionelles Wissen um den alten Menschen braucht. Sowohl in der ambulanten wie in der stationären Betreuung von alten Menschen sind die Pflegenden häufig die ersten Ansprechpartner bei Fragen der Gesundheit und Krankheit, sodass hier die Verantwortung eine andere ist als bei der Pflege im Krankenhaus.

Ein „gutes Herz und zwei gesunde Hände“, wie es salopp heißt, reichen also nicht.

Nein. Altenpflege ist professionelles Handeln, das fundiertes Wissen durch eine ebenso fundierte Ausbildung braucht. Aber es entspricht leider dem Zeitgeist, dass sich nur wenige Menschen mit dem Thema Alter und seinen Begleiterscheinungen und den pflegerischen Möglichkeiten auseinandersetzen möchten – erst dann, wenn er persönlich oder jemand in der Familie betroffen ist.

Sie haben im letzten Jahr Ihre Doktorarbeit geschrieben. „Leben auf Zeit. Anpassungsstrategien palliativ betreuter Menschen“ lautet der Titel. Worum geht es in Ihrer Arbeit?

Im Mittelpunkt stehen sterbenskranke Menschen und ihre subjektive Erlebens- und Erfahrungswelt. Ich bin jetzt seit vielen Jahren in der Pflege wirkend, habe darunter eine lange Zeit auf Intensivstationen gearbeitet. Zwar war der Begriff Palliative Care damals noch weitgehend unbekannt, nicht aber die dahinterstehende Philosophie, die ich als ein ureigenes Motiv von Pflege verstehe. Entsprechend fand und findet diese pflegerische Haltung ihre Entsprechung in der praktischen Arbeit, und zwar überall dort, wo schwer- und sterbenskranke Menschen betreut werden, somit in allen Bereichen der stationären und ambulanten Alten- und Krankenpflege.

Welche Bedeutung haben die Erkenntnisse, die Sie in ihrer Doktorarbeit gewonnen haben, für die Arbeit mit Auszubildenden der Pflege?

Wie ich schon erwähnte ist die Haltung, die hinter dem Begriff Palliative Care steht, eine fundamentale Haltung, die Pflegende einnehmen müssen, unabhängig davon, ob sie in ausgewiesenen palliativen Bereichen arbeiten oder nicht. Palliation, das heißt, die Linderung von Leiden, sowohl physischen, psychischen, sozialen als auch spirituellen Leids, ist die Aufgabe von Pflege. Und Menschen, die die Brüchigkeit ihres Lebens erfahren, sei es durch eine unheilbare Erkrankung, sei es aber auch durch eine akute gesundheitliche Beeinträchtigung, brauchen Menschen, die sich ihnen zuwenden und die sie mit viel professionellem, breit gefächertem Wissen um den Menschen begleiten. Entsprechend ist in der Akademie St. Franziskus die Ausbildung in allen Ausbildungsgängen angelegt.


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