News 13.05

Pflegeberufe brauchen mehr Wertschätzung

Lingener Tagespost, 01.06.2013
Interview mit Gabriele Weglage, Geschäftsführerin der Akademie St. Franziskus in Lingen

Dr. rer. cur. Gabriele Weglage, Akademie St. Franziskus

Frau Weglage, eine Abiturientin aus Lingen sucht zurzeit einen Ausbildungsplatz in der Altenpflege, um ein duales Studium in der Pflege mit dem Bachelor-Abschluss beginnen zu können. Wie ist es möglich, dass sie gerade im Altenpflegebereich noch nichts gefunden hat, wo es doch vor allem dort an Nachwuchs- und Fachkräften mangelt?

Weglage: Die Gründe können vielschichtig sein. Da sind zum Beispiel die Kosten. Die Ausbildung in der Altenpflege ist für den Träger teuer. Während die Krankenhäuser ein Ausbildungsbudget für die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege, Gesundheits- und Kinderkrankenpflege und zur Hebamme haben, ist dies in der Altenpflege anders. Hier müssen die Einrichtungen diese Kosten aus den eigenen Einnahmen erwirtschaften. Das ist nicht so einfach. Hier ist meines Erachtens eine deutlich umfangreichere staatliche Unterstützung notwendig, um die Ausbildung im Altenpflegebereich zu erleichtern. Ein weiterer Grund für den Nachwuchs- und Fachpersonalmangel ist aber sicher auch, dass die Notwendigkeit zur weiteren Professionalisierung in der Pflege noch nicht überall als notwendig angesehen wird. Hier stellt übrigens das duale Ausbildungs- und Studienprogramm Pflege in Lingen eine große Chance dar, ein verändertes Bewusstsein zu schaffen.

Schwingt da im Hintergrund immer noch der Gedanke mit, dass Pflege eigentlich jeder „kann“, dass diese Tätigkeit weniger mit Beruf und mehr mit „Berufung“ zu tun hat?

Weglage: Das ist in der Tat so. Die Wurzeln der Pflege liegen ja in der Caritas, die zuerst von Ordensfrauen verwirklicht wurde. Diese Frauen folgten zuerst ihrer eigenen, individuellen Berufung. Die Pflegeausbildung kam erst später dazu. Das ist der Grund, warum Professionalität viel zu wenig mit dem Pflegeberuf, vor allem auch mit der Altenpflege, in Verbindung gebracht wird. Hier fehlt es an Wertschätzung dafür, dass der Pflegeberuf herausfordernde, hoch qualifizierte Aufgaben beinhaltet. Er ist eine Mischung aus Können, Wissen und Haltung. Diese Kompetenzen vermitteln wir in der Akademie St. Franziskus.

Wie viele junge Leute werden in der Akademie zurzeit ausgebildet?

Weglage: Wir haben rund 145 Auszubildende in der Gesundheits- und Krankenpflege, 30 in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege, 20 Auszubildende im Hebammenwesen und 75 Auszubildende der Altenpflege. Mit eingerechnet sind in diesen Zahlen die Studierenden des Bachelor-Studiengangs Pflege, den die Akademie St. Franziskus als verbundleitende Berufsfachschule in Kooperation mit der Hochschule Osnabrück am Standort Lingen anbietet.

Wo werden die praktischen Anteile der Ausbildung vermittelt?

Weglage: Die Akademie hat mehr als dreißig Kooperationspartner. Im dualen Programm wirken neben den Gesellschaftereinrichtungen, dem Elisabeth Krankenhaus Thuine und dem Bonifatius Hospital Lingen die Mediclin Hedon in Lingen, das Pflegezentrum St. Katharina in Thuine, das Stephanus-Haus und Curanum Seniorenstift, das Mutter-Teresa-Haus in Lingen, die AWO Nordhorn, die Caritas Sozialstation Lingen, die Caritas-Sozialstation Freren/Lengerich/Spelle und Die Pflege daheim in Lingen mit.

Wie ist die Ausbildung aufgebaut?

Weglage: Im Bachelorprogramm handelt es sich um eine generalistische Ausbildung, in der alle Lebensspannen des Menschen in ihrer Bedeutung für die Pflege in den Blick genommen werden. Innerhalb dieses Programms findet eine Spezialisierung in den einzelnen Handlungsfeldern der Pflege, nämlich der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege und der Kinderkrankenpflege statt. Die Dauer des Programms beträgt vier Jahre (acht Semester). Neben dem Bachelorabschluss machen die Absolventen hier ihren Beruflichen Abschluss in der von ihnen gewählten Spezialisierung.. Daneben gibt es weiterhin die dreijährige Ausbildung in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.

Die Pflege alter Menschen gilt allgemein als weniger anspruchsvoll als die Arbeit im Krankenhaus. Können Sie dem zustimmen?

Auf keinen Fall. Die Lehrpläne beider Handlungsfelder haben sich aufgrund der durchaus vergleichbaren Anforderungen angeglichen. Die Herausforderungen, die sich zum Beispiel in der Altenpflege ergeben, entsprechen den Herausforderungen, die der demographische Wandel mit sich bringt: l Menschen in Pflegeeinrichtungen weisen häufig mehrere Krankheitsbilder gleichzeitig auf, sie sind oft sozial isoliert, haben Verlusterfahrungen gemacht und sind manchmal entfernt vom Heimatort, weil dort der Pflegeplatz mitunter zu teuer ist. Da kann die Versorgung eines Patienten auf der chirurgischen Station, der sich „nur“ das Bein gebrochen hat, vergleichsweise einfacher sein. Diese besonderen beruflichen Herausforderungen in der Altenpflege, die ein hohes Maß an Qualifikation verlangen, werden in der Gesellschaft oft verkannt. Hier fehlt zumeist die Wahrnehmung dafür, dass die beruflich Pflegenden umfassend ausgebildet und fachlich hoch kompetent sind.

Liegt es auch an der Bezahlung, wenn der Nachwuchs fehlt?

Weglage: Das kann man pauschal so nicht sagen. Die Bezahlung ist dort, wo sich die Einrichtungen an Tarifvereinbarungen gebunden fühlen, nicht schlechter als in der Gesundheits- und Krankenpflege. Natürlich spielen, was das Bild der Altenpflege in der Öffentlichkeit anbelangt, auch die vielen geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse eine Rolle. Wir beobachten außerdem eine enorme Verdichtung der Arbeit in allen pflegerischen Berufen, auch in der Altenpflege. Umso wichtiger ist es, deutlich zu machen, dass dieser Beruf ein sehr spannendes und abwechslungsreiches, vor allem aber auch verantwortungsvolles Handlungsfeld bietet. Dies wollen wir auch in unserer Akademie mit unserem hochqualifizierten Kollegium vermitteln. Fast alle unsere Kolleginnen und Kollegen sind akademisch auf Diplom- oder Masterniveau ausgebildet. Alle bringen sehr viel berufliche Erfahrung mit.

Welche Rolle nimmt in der Zielsetzung, die Professionalität der Ausbildung in der Pflege weiter voranzutreiben, das duale Studienangebot Pflege ein?

Weglage: Das Ausbildungs- und Studienangebot Pflege stellt meines Erachtens eine Riesenchance dar, die Qualität der Arbeit in den Handlungsfeldern der Pflege weiter zu verbessern. Je qualifizierter die Beschäftigten in den Einrichtungen sind, desto eher wird es auch gelingen, Reformen in der Pflege und für die Pflege von Menschen voranzutreiben, die unbedingt notwendig sind. Ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Einrichtungen der Altenpflege für Bewerber des Ausbildung- und Studienprogramms Pflege öffnen. Von den 20 Studienplätzen in Lingen stehen acht für die Altenpflege zur Verfügung; es sind noch Plätze frei.

Zurück zu der Abiturientin, die zurzeit einen Ausbildungsplatz in der Pflege sucht. Wenn Sie zu Ihnen kommt und um Rat fragt, was werden Sie ihr sagen?

Weglage: Dass wir gemeinsam einen Ausbildungsplatz für die Praxis finden werden, da bin ich mir ganz sicher

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Das Interview führte Thomas Petz, Lingener Tagespost


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