News 08.01

Ärzte ohne Grenzen e.V. in der Akademie St. Franziskus

Artikel von Yannick Büers, erschienen in der Zeitung Bonjour (Bonifatius Hospital Lingen), 01.03.2008

Im Februar begrüßten die Gesundheits- und Krankenpflegeschüler der Akademie Sankt Franziskus den Gastdozenten Herrn Daniel Cobold. Herr Cobold ist examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger und hat an zwei Projekten der Ärzte ohne Grenzen e.V. teilgenommen. Er verbrachte knapp ein Jahr im Sudan und ein Jahr in Afghanistan. Zurzeit arbeitet er ehrenamtlich für die Organisation und stellt diese in Vorträgen vor.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen wurde im Jahr 1971 von französischen Ärzten und Journalisten ins Leben gerufen. Im Jahr 1993 wurde das erste Büro in Deutschland eröffnet und seit 1999 ist der Verein der Ärzte ohne Grenzen Friedensnobelpreisträger. Der Hauptsitz der Organisation liegt in Genf und hat Zweigstellen in Belgien, Frankreich, Schweiz, und den Niederlanden.

Ärzte ohne Grenzen

Die Projekte der Ärzte ohne Grenzen laufen vorwiegend in Ländern, in denen die Gesundheitsstrukturen, z.B. durch Krieg oder Naturkatastrophen, einen Unterstützungsbedarf aufzuweisen haben. Zu den Schwerpunkten der jeweiligen Projekte gehören die Basisgesundheitsversorgung, ein Ernährungsprogramm, die Ausbildung von nationalem Personal, die Sicherung der Wasserversorgung, das Schaffen von sanitären Anlagen, chirurgische Programme, Impfkampagnen und natürlich das unterstützen der lokalen Gesundheitseinrichtungen.

Als Voraussetzung für ihre professionelle Hilfe benötigen die Projektteams ein ausgefeiltes Logistiksystem und standardisierte Abläufe, ähnlich wie die eines Krankenhauses. Qualifiziertes und motiviertes Personal, sowie medizinisches und technisches Know-how sind notwendig.

Das Personal für ein Projekt setzt sich gewöhnlich wie folgt zusammen: 27 % Ärzte, 33 % Pflegepersonal, 40 % Logistiker, Finanzkräfte, Wasserspezialisten u.s.w. Das Unternehmen der Ärzte ohne Grenzen wird zu 85,9 % durch Spenden finanziert. Die Einnahmen betragen hierbei ungefähr 488,4 Mio. Euro im Jahr, die jährlichen Ausgaben belaufen sich auf ungefähr 457,1 Mio. Euro im selben Zeitraum.

Im Verlauf seines Vortrages berichtet Herr Cobold sehr eindrucksvoll von seinen Einsätzen und visualisiert das Erlebte mit vielen deutlichen Bildern. Er erzählt, was er bei seiner ersten Projektbeteiligung in Afghanistan erlebt hat. Arbeitsbeginn, 6:00 Uhr morgens.
Um zur Klinik zu gelangen, müssen täglich zwei bis drei Stunden Autofahrt bewältigt werden. Vor der Abfahrt wird täglich eine Besprechung gehalten, in welcher die nächsten Schritte sowie die aktuelle Sicherheitslage diskutiert werden. Auf den dann präsentierten Fotos wurde deutlich, weshalb die 30 km Distanz zum Krankenhaus eine Fahrtzeit von 2 bis 3 Stunden erforderten. Der Weg führt ohne Straßen durch gebirgiges Ödland.

Die Klinik selber macht den Eindruck einer Baracke. Die Untersuchungszimmer sind lediglich mit dem Nötigsten ausgestattet. Jeder Klient durchläuft eine Art zentraler Aufnahme, wo seine Daten dokumentiert werden und er eine Art Patientenakte erhält. Die Frauen sind vermummt und werden streng separat von den männlichen Patienten behandelt. Dies geschieht aufgrund der kulturellen Bräuche, die für unsere Wahrnehmung ungewohnt und befremdend wirken. Zu den Tätigkeiten des Pflegepersonals gehört hier das Beobachten und Anleiten der nationalen Mitarbeiter. Die wichtigsten Hauptziele liegen in der Aufklärung und in der Förderung des Gesundheitsbewusstseins.

Ärzte ohne Grenzen

Hebammen kommen hier ebenfalls zum Einsatz. Sie betreiben Aufklärungsarbeit, führen Voruntersuchungen durch, helfen bei der Familienplanung und haben noch viele weitere Herausforderungen. Als weitere Maßnahme der Teams werden Umfragen durchgeführt bei denen willkürlich Häuser ausgewählt werden und deren Bewohner dann Angaben zu ihren Kindern und zum Impfstatus der Familie machen. Häuser, in denen bereits eine Befragung durchgeführt wurde, werden markiert, damit sie nicht noch ein zweites Mal befragt werden. Die Unterkünfte des Personals sind eher funktionell eingerichtet, aber man verbringt bei 40°C die meiste Zeit doch eher außerhalb. Die Freizeitgestaltung ohne Kabelfernsehen und Internet bei striktem Alkoholverbot, fällt trotz allem oft entspannt und unterhaltsam aus. Vorausgesetzt, man kann sich auf die anderen Teilnehmer des Teams einlassen.
In dem Bericht über seinen zweiten Einsatz erzählt Herr Cobold, von seinen Erfahrungen, welche er im Sudan gemacht hat. Der Schwerpunkt dieses Einsatzes war, die Ernährung der Bevölkerung zu optimieren. Dreimal im Monat findet hier die Nahrungsausgabe statt. Die Kinder auf den Fotos sind deutlich erkennbar völlig unterernährt. Sie sehen krank aus.

Zur Ausgabe versammeln sich Hunderte von Menschen vor dem Lager. Jeder Dorfvorsteher hat seine Bürger zum Lager der Ärzte ohne Grenzen geführt. Obwohl garantiert wurde, dass jeder den gleichen Anteil erhalten soll, kamen Unruhen nicht selten vor. So muss das Team seine Planung stets an die gegebene Situation anpassen. Um die Versammlung der Menschen bestmöglich zu nutzen, werden die Kinder auch gleich zur Anamnese herangeholt und gegebenenfalls wird gleich die erforderliche Diagnostik durchgeführt. Bei Bedarf wird die medizinische Versorgung gewährleistet. Doch die Umstände sind schwierig und die Mittel begrenzt, so dass die Helfer oft improvisieren müssen.

Herr Cobold bereut seine Teilnahme nicht. Er konnte bei diesen Erfahrungen viele Vorteile schöpfen, auch wenn der Aufenthalt nicht immer leicht war. Die Ärzte ohne Grenzen suchen stets nach Helfern und kommen diesen finanziell und sozial in vielen Punkten entgegen. Denn die Unterstützung eines Projektes geschieht nicht, wie einige annehmen, auf rein ehrenamtlicher Basis. Dennoch verlangt es einem Menschen viel ab, sich zu einem solchen Schritt zu entscheiden und die Herausforderungen durchzustehen.
Nicht jedem liegt es, die bekannten Arbeitsbedingungen zu vergessen und sie gegen solche Umstände einzutauschen. Denn das Verlassen unserer gewohnten Umgebung hin in ein Entwicklungsland, bedeutet auch den Verlust vieler, für uns selbstverständlicher Hilfsmittel. Doch man sollte auch bedenken, wie sehr man wahrscheinlich nach einem solchen Einsatz die Perspektive hinsichtlich des bisherigen Lebensstandards ändert.


zurück zur Seite NEWS